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<title>Melierdialog</title>
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<h1 id="firstHeading" class="firstHeading mw-first-heading"><span class="mw-page-title-main">Melierdialog</span></h1>
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</div>
<div id="mw-content-text" class="mw-body-content mw-content-ltr" lang="de" dir="ltr"><div class="mw-content-ltr mw-parser-output" lang="de" dir="ltr">
<p>Der <b>Melierdialog</b> ist eine berühmte, in der <a href="Geschichtswissenschaft" title="Geschichtswissenschaft">Geschichts-</a> und der <a href="Politikwissenschaft" title="Politikwissenschaft">Politikwissenschaft</a> bis heute diskutierte Textstelle (Buch 5, Kapitel 84–116) aus dem Werk <i>Der Peloponnesische Krieg</i> des griechischen <a href="Historiker" title="Historiker">Historikers</a> <a href="Thukydides" title="Thukydides">Thukydides</a>, in der es um das grundlegende Verhältnis von <a href="Recht" title="Recht">Recht</a> und <a href="Macht" title="Macht">Macht</a> geht. Geschildert wird ein Streitgespräch zwischen den Vertretern der mit Krieg drohenden <a href="Hegemonie" title="Hegemonie">Hegemonialmacht</a> <a href="Athen" title="Athen">Athen</a>, die ultimativ die Unterwerfung der Bewohner von <a href="Milos" title="Milos">Melos</a> unter den <a href="Attischer_Seebund#Zuspitzung_im_Peloponnesischen_Krieg" title="Attischer Seebund">Attischen Seebund</a> verlangen, und den Verhandlungsführern der Melier, die ihrer Insel die Unabhängigkeit von Athen zu erhalten suchen.
</p><p>Im Rahmen des <a href="Peloponnesischer_Krieg" title="Peloponnesischer Krieg">Peloponnesischen Kriegs</a> (431–404 v. Chr.) trieb Athen den Konflikt mit den Meliern während des zwischenzeitlich mit <a href="Sparta" title="Sparta">Sparta</a> 415/16 v. Chr. vereinbarten <a href="Nikiasfrieden" title="Nikiasfrieden">Nikiasfriedens</a> voran. Dass Thukydides die Vorgänge in einer für sein Werk einmalige Weise behandelte, lag aber weder an ihrer militärischen Bedeutung noch an einer besonderen strategischen Bedeutung von Melos. Denn im Dialog wird das tatsächliche Geschehen gegenüber den beiderseitigen Motivlagen nur knapp und am Rande dargestellt. Die inhaltliche und formale Gestaltung des Melierdialogs lässt darauf schließen, dass Thukydides mit ihm den Wendepunkt in der Geschichte der Großmacht Athen markieren wollte. Denn unmittelbar auf ihn folgt die Schilderung der <a href="Sizilienexpedition" title="Sizilienexpedition">Sizilienexpedition</a>, die für Athen katastrophal endete und den Niedergang seiner Macht einleitete.<sup id="cite_ref-1" class="reference"><a href="#cite_note-1"><span class="cite-bracket">[</span>1<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Thukydides, der menschliches Handeln auf bestimmte naturgegebene Motivkonstanten zurückführte und mit seinem Werk den Anspruch erhob, „ein Besitztum für immer“ zu hinterlassen<sup id="cite_ref-2" class="reference"><a href="#cite_note-2"><span class="cite-bracket">[</span>2<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>, hat im Melierdialog nicht wiedergegeben, so <a href="Wolfgang_Will" title="Wolfgang Will">Wolfgang Will</a>, was Athener und Melier tatsächlich sagten, sondern das, was sie „gedacht haben, ansonsten aber in öffentlicher Rede hinter diplomatischen Floskeln verbargen.“<sup id="cite_ref-3" class="reference"><a href="#cite_note-3"><span class="cite-bracket">[</span>3<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Der Dialog zeigt völlig unverhüllt, welche Positionen die übermächtigen Athener und die unterlegenen Melier jeweils zum „Recht des Stärkeren“ einnahmen.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Die_Ausgangslage">Die Ausgangslage</h2></div>
<p>Die Athener und ihre Verbündeten (u. a. aus <a href="Chios" title="Chios">Chios</a> und <a href="Lesbos" title="Lesbos">Lesbos</a>) waren mit einer Flotte von 38 <a href="Triere" title="Triere">Trieren</a> auf Melos gelandet, um die Insel zu unterwerfen, die sich bis dahin als einzige der <a href="Kykladen" title="Kykladen">Kykladen</a> neutral verhalten und den Beitritt zum <a href="Attischer_Seebund" title="Attischer Seebund">Attischen Bund</a> verweigert hatte, da sie eine Kolonie <a href="Sparta" title="Sparta">Spartas</a> war. Die athenischen Feldherren schickten Unterhändler in die Stadt mit dem Ziel, die Melier von den Vorteilen einer freiwilligen Unterwerfung zu überzeugen.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Standpunkte_und_Argumente_im_Dialog">Standpunkte und Argumente im Dialog</h2></div>
<p>Anders als wohl von den Athenern beabsichtigt und für günstig gehalten, gelangen sie mit ihrer Botschaft nicht vor die <a href="Volksversammlung" title="Volksversammlung">Volksversammlung</a> der Melier, sondern vor die Behörden und den Rat der Adligen von Melos.<sup id="cite_ref-4" class="reference"><a href="#cite_note-4"><span class="cite-bracket">[</span>4<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Die von Thukydides gestaltete Verhandlung umfasst bis zur Beschlussfassung der Melier 14 Beiträge der Athener und 13 der Melier, wobei die Einlassungen der Athener auch an Länge ein leichtes Übergewicht aufweisen.<sup id="cite_ref-5" class="reference"><a href="#cite_note-5"><span class="cite-bracket">[</span>5<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Erörtert werden neben Fragen von Macht und Recht im zwischenstaatlichen Verhältnis auch die Chancen wohlwollender <a href="Neutralit%C3%A4t_(Internationale_Politik)" class="mw-redirect" title="Neutralität (Internationale Politik)">Neutralität</a> und entschlossenen Widerstands.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading3"><h3 id="Recht_und_„schöne_Worte“"><span id="Recht_und_.E2.80.9Esch.C3.B6ne_Worte.E2.80.9C"></span>Recht und „schöne Worte“</h3></div>
<p>Angesichts der vorgefahrenen athenischen Streitkräfte zeigen sich die Melier von Anbeginn skeptisch, mit ihren Rechtsgründen durchdringen zu können, und sehen für sich am Ende nur die Wahl zwischen Krieg und Knechtschaft.<sup id="cite_ref-6" class="reference"><a href="#cite_note-6"><span class="cite-bracket">[</span>6<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Die Athener verzichten bei Thukydides explizit darauf, mit „schönen Worten“<sup id="cite_ref-7" class="reference"><a href="#cite_note-7"><span class="cite-bracket">[</span>7<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> bzw. mit „endlosen und unglaubhaften Reden“ ihre Forderung zu begründen, etwa im Hinblick auf ihre Verdienste in den <a href="Perserkriege" title="Perserkriege">Perserkriegen</a>. Vielmehr heben sie geradewegs hervor, die Melier wüssten doch so gut wie sie selbst, dass Recht in den menschlichen Verhältnissen nur bei Gleichheit der Kräfte zur Geltung komme, dass aber ansonsten die Überlegenen das Mögliche für sich durchsetzten und die Schwächeren sich dem zu fügen hätten.<sup id="cite_ref-8" class="reference"><a href="#cite_note-8"><span class="cite-bracket">[</span>8<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading3"><h3 id="Am_Leben_bleiben_zum_beiderseitigen_Nutzen">Am Leben bleiben zum beiderseitigen Nutzen</h3></div>
<p>Die Melier halten den Athenern die Leichtfertigkeit der Preisgabe des Rechts vor, könnten doch auch einmal diese selbst wieder in die Lage kommen, nach dem Verlust ihrer Machtposition auf rechtliches Denken und Handeln anderer angewiesen zu sein. Dagegen zeigen sich die Athener von einem möglichen Machtverlust in der Zukunft wenig beeindruckt; damit fertig zu werden, möge man getrost ihnen überlassen. Hier und jetzt gehe es ihnen darum, Melos zu erhalten, um es sich zum Vorteil beider Seiten dienstbar zu machen. Denn unterwürfen sich die Melier, könnten die Athener ihre Streitmacht schonen; die Melier aber blieben am Leben und behielten als Untertanen ihr Land.<sup id="cite_ref-9" class="reference"><a href="#cite_note-9"><span class="cite-bracket">[</span>9<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading3"><h3 id="Umstrittene_Neutralität"><span id="Umstrittene_Neutralit.C3.A4t"></span>Umstrittene Neutralität</h3></div>
<p>Ob es den Athenern nicht genügen könne, fragen die Melier, dass Melos sich unter Wahrung eines freundlich-neutralen Verhältnisses zu ihnen keiner der beiden Kriegsparteien anschlösse. Nein, antworten die Athener, denn die besagte Freundschaft ließe sie in ihrer Machtposition bei anderen als schwächlich erscheinen, während der Hass der Unterworfenen ihre Stärke betone.<sup id="cite_ref-10" class="reference"><a href="#cite_note-10"><span class="cite-bracket">[</span>10<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Als die Melier darauf hinweisen, dass die Athener mit einem solchen Vorgehen gegen Melos alle zu Feinden machen müssten, die sich noch bis dato in dem Konflikt neutral gehalten hätten,<sup id="cite_ref-11" class="reference"><a href="#cite_note-11"><span class="cite-bracket">[</span>11<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> heißt es seitens der Athener, man habe von den unentschiedenen Festlandstädten diesbezüglich wenig zu fürchten – anders als im Seereich von den unterworfenen wie von den noch nicht unterworfenen Inseln wie Melos.<sup id="cite_ref-12" class="reference"><a href="#cite_note-12"><span class="cite-bracket">[</span>12<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading3"><h3 id="Widerstand_zwischen_Hoffnung_und_Illusion">Widerstand zwischen Hoffnung und Illusion</h3></div>
<p>Die letztere Einschätzung der Athener bringt die Melier zu dem Schluss, dass in einer Lage, in der die Athener auf der einen und die von ihnen Unterworfenen auf der anderen Seite bereit seien, gegeneinander das Äußerste zu wagen, „so wäre es doch von uns noch Freien gar zu niedrig und feig, nicht jeden Weg zu versuchen, eh wir Sklaven werden.“<sup id="cite_ref-13" class="reference"><a href="#cite_note-13"><span class="cite-bracket">[</span>13<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Auf irreführende Hoffnungen, halten die Athener dagegen, sollten die Melier in ihrer Lage nicht setzen: „und tut es nicht den vielen gleich, die, statt auf Menschenwegen die noch mögliche Rettung zu ergreifen, sobald in der Bedrängnis die klaren Hoffnungen sie verlassen, auf die verschwommenen bauen: Weissagung, Göttersprüche und all dieses, was mit Hoffnungen Unheil stiftet.“<sup id="cite_ref-14" class="reference"><a href="#cite_note-14"><span class="cite-bracket">[</span>14<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Die Melier räumen ein, dass sie den Kampf unter sehr nachteiligen Bedingungen aufnehmen müssten; doch sei Zuversicht angesichts ihrer gerechten Sache und des gewiss zu erwartenden Beistands durch den <a href="Peloponnesischer_Bund" title="Peloponnesischer Bund">Spartanischen Bund</a> nicht unvernünftig. Die Athener wiederum erklären ihr Handeln für übereinstimmend mit den Gesetzen der menschlichen Natur und spotten über den vermeintlichen Unverstand der Melier: „Wegen eurer Spartanerhoffnung aber, die ihr hegt, sie würden um ihrer Ehre willen euch gewiß helfen, da preisen wir euch selig für euren Kinderglauben, ohne eure Torheit euch zu neiden.“<sup id="cite_ref-15" class="reference"><a href="#cite_note-15"><span class="cite-bracket">[</span>15<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Nach je drei weiteren Reden und Gegenreden zu den Beistandsperspektiven in einem Abwehrkampf der Melier gegen Athens Unterwerfungsverlangen endet die Verhandlung mit der Aufforderung der Athener, bei dem anstehenden Beschluss mitzubedenken: „Wer seinesgleichen nicht nachgibt, dem Stärkeren wohl begegnet, gegen den Schwächeren Maß hält, der fährt meist am besten. So prüft also auch noch, während wir draußen warten, und bedenkt wieder und wieder: ihr beschließt über euer Vaterland, dieses eine Vaterland, und auf diesen einen Beschluß, der treffen oder mißglücken kann, kommt es an.“<sup id="cite_ref-16" class="reference"><a href="#cite_note-16"><span class="cite-bracket">[</span>16<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Untergang_der_Melier">Untergang der Melier</h2></div>
<div class="infobox" style="all:revert; float:right">
<table class="infobox float-right hintergrundfarbe1 toptextcells" summary="infobox" style="margin-left:1em; margin-top:0; margin-bottom:1em; width:316px; padding:2px; border:1px solid #AAAAAA; border-spacing:0;">
<tbody><tr>
<th colspan="2" style="background:#C3D6EF; color:#202122; font-size:120%; padding:.1em; margin-bottom:2px;">Belagerung von Melos
</th></tr>
<tr>
<td colspan="2" style="text-align:center; background:#DCDCDC; color:#202122; padding:.1em; margin-bottom:2px;">Teil von: <a href="Peloponnesischer_Krieg" title="Peloponnesischer Krieg">Peloponnesischer Krieg</a>
</td></tr>
<tr>
<th scope="row" style="min-width:5em; text-align:left; padding-right:1em;">Datum
</th>
<td><a href="416_v._Chr." title="416 v. Chr.">416 v. Chr.</a>
</td></tr>
<tr>
<th scope="row" style="text-align:left; vertical-align:top; padding-right:1em;">Ort
</th>
<td><a href="Milos" title="Milos">Milos</a> in der <a href="%C3%84g%C3%A4is" class="mw-redirect" title="Ägäis">Ägäis</a>
</td></tr>
<tr>
<th scope="row" style="text-align:left; vertical-align:top; padding-right:1em;">Ausgang
</th>
<td>Versklavung der Bevölkerung
</td></tr>
<tr>
<th scope="row" style="text-align:left; vertical-align:top; padding-right:1em;">Folgen
</th>
<td>Sizilische Expedition
</td></tr>
<tr style="vertical-align:top;">
<td colspan="2" style="padding:0;">
<table style="width:100%;">
<tbody><tr>
<th colspan="2" style="background: #C3D6EF; color:#202122; text-align:center;">Konfliktparteien
</th></tr>
<tr style="vertical-align:top;">
<td style="border-right: 1px dotted #AAAAAA;">
<p><a href="Athen" title="Athen">Athen</a>, <a href="Chios" title="Chios">Chios</a>, <a href="Lesbos" title="Lesbos">Lesbos</a>
</p>
</td>
<td style="padding-left: 0.25em;">
<p><a href="Milos" title="Milos">Melos</a>
</p>
</td></tr>
<tr>
<th colspan="2" style="background: #C3D6EF; color:#202122; text-align:center;">Befehlshaber
</th></tr>
<tr style="vertical-align:top;">
<td style="border-right: 1px dotted #AAAAAA;">
<p>Kleomedes, Teisias; Philokrates
</p>
</td>
<td style="padding-left: 0.25em;">
</td></tr>
<tr>
<th colspan="2" style="background: #C3D6EF; color:#202122; text-align:center;">Truppenstärke
</th></tr>
<tr style="vertical-align:top;">
<td style="border-right: 1px dotted #AAAAAA;">
<p>38 Schiffe;<br>2.700 <a href="Hoplit" title="Hoplit">Hopliten</a>, 300 Schützen, 20 Berittene
</p>
</td>
<td style="padding-left: 0.25em;">
<p>gering
</p>
</td></tr>
<tr>
<th colspan="2" style="background: #C3D6EF; color:#202122; text-align:center;">Verluste
</th></tr>
<tr style="vertical-align:top;">
<td style="border-right: 1px dotted #AAAAAA;">
<p>wenige Männer
</p>
</td>
<td style="padding-left: 0.25em;">
<p>Hinrichtung aller erwachsenen Männer
</p>
</td></tr>
</tbody></table>
</td></tr>
</tbody></table>
</div>
<p>Nach der Beratung erklärten die melischen Oligarchen in einer kurzen Wiederaufnahme des Dialogs, dass sie ihre seit 700 Jahren bestehende Freiheit nicht aufgeben, sondern sich dem Beistand der Götter und der Spartaner anvertrauen und einer Unterwerfung widersetzen wollten.
</p><p>Die Athener begannen daraufhin mit der <a href="Belagerung" title="Belagerung">Belagerung</a> der Stadt. Sie hatten an eigenen Truppen 1.200 <a href="Hoplit" title="Hoplit">Hopliten</a>, 300 Schützen und 20 Reiterschützen übergesetzt, sowie von den Verbündeten 1.500 Schwerbewaffnete. Die Feldherren Kleomedes und Teisias ließen den Ort zuerst mit einer Belagerungsmauer umschließen, und nachdem sie die Wachen eingeteilt hatten, fuhren sie mit ihrer Hauptmacht wieder ab.
</p><p>Bei zwei nächtlichen Ausfällen gelang es den Meliern, einige der Wachleute zu töten und Getreidevorräte in die Stadt zu schaffen. Die Hoffnungen der Belagerten auf spartanischen Entsatz zerschlugen sich jedoch, und sie litten im Winter schweren Hunger, der in späteren Jahrhunderten sprichwörtlich wurde („melischer Hunger“).
</p><p>Nach dem zweiten Ausfall führten die Athener die Belagerung wieder energischer und sandten ein neues Heer unter dem Befehl des Philokrates. Da zuletzt auch noch Verrat hinzu kam, ergab sich Melos schließlich auf Gnade oder Ungnade.
</p><p>Über das Los der Gefangenen beschloss die Volksversammlung in Athen gemäß dem Antrag des <a href="Alkibiades" title="Alkibiades">Alkibiades</a>. Thukydides widmet ihrem Schicksal wenige Sätze:
</p>
<div class="Vorlage_Zitat" style="margin:1em 40px;">
<div style="margin:1em 0;"><blockquote style="margin:0;">
<p>„Die Athener richteten alle erwachsenen Melier hin, soweit sie in ihre Hand fielen, die Frauen und Kinder verkauften sie in die Sklaverei. Den Ort gründeten sie selber neu, indem sie später 500 attische Bürger dort ansiedelten.<sup id="cite_ref-17" class="reference"><a href="#cite_note-17"><span class="cite-bracket">[</span>17<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>“
</p>
</blockquote>
</div></div>
<p>Über zehn Jahre später, nach der endgültigen <a href="Peloponnesischer_Krieg#Folgen_des_Krieges" title="Peloponnesischer Krieg">Niederlage Athens im Peloponnesischen Krieg</a> im Jahr 404 v. Chr., veranlasste Sparta die Rückführung der letzten überlebenden Melier auf ihre Insel.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Rezeption">Rezeption</h2></div>
<p>Manches von dem, was über Thukydides und sein Werk gesagt worden ist, bezieht sich auf den Melierdialog oder schließt ihn ein. <a href="Jacob_Burckhardt" title="Jacob Burckhardt">Jacob Burckhardt</a> sah darin die „vollständigste Philosophie der Macht des Stärkeren“.<sup id="cite_ref-18" class="reference"><a href="#cite_note-18"><span class="cite-bracket">[</span>18<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Für <a href="Friedrich_Nietzsche" title="Friedrich Nietzsche">Friedrich Nietzsche</a> war Thukydides der „Menschen-Denker“ einer Kultur der „unbefangensten Weltkenntnis“ und der Melierdialog das „furchtbare Gespräch“.<sup id="cite_ref-19" class="reference"><a href="#cite_note-19"><span class="cite-bracket">[</span>19<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p><a href="Wolfgang_Will" title="Wolfgang Will">Wolfgang Will</a> nennt den Melierdialog einen zeitlosen Text, „der zu den wichtigen der Weltliteratur zählt und nach knapp 2500 Jahren noch keine Altersspuren zeigt“.<sup id="cite_ref-20" class="reference"><a href="#cite_note-20"><span class="cite-bracket">[</span>20<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Einfachen Deutungen aber entziehe er sich: „Athener und Melier sprechen unkommentiert, und Thukydides sagt nicht, welche Argumente er billigt und welche er verurteilt, ob er das Geschehen als kriegsnotwendig akzeptiert oder kritisiert, ob er die Partei der Unterlegenen ergreift oder sich seiner Heimatstadt verpflichtet sieht.“<sup id="cite_ref-21" class="reference"><a href="#cite_note-21"><span class="cite-bracket">[</span>21<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Er maskiere seine Meinung, indem er sie auf widersprüchliche Weise verschiedenen Personen in den Mund lege. „Thukydides legt nahe, Schlüsse zu ziehen, aber er nimmt dem Leser die Arbeit nicht ab.“<sup id="cite_ref-22" class="reference"><a href="#cite_note-22"><span class="cite-bracket">[</span>22<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Auch zeitgenössische Poeten hat der Text in seinen Bann gezogen, so zum Beispiel <a href="Giannis_Ritsos" title="Giannis Ritsos">Giannis Ritsos</a>, der 1969 den Gedichtband <i>Milos geschleift</i> herausbrachte, oder <a href="Bob_Dylan" title="Bob Dylan">Bob Dylan</a>, der sich in <i>Chronicles, Volume One</i> davon beeinflusst zeigt.<sup id="cite_ref-23" class="reference"><a href="#cite_note-23"><span class="cite-bracket">[</span>23<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> <a href="Simon_Werle" title="Simon Werle">Simon Werle</a> hat den Melierdialog als Grundlage in seinem Drama <i>Die Invasion</i> (2001) herangezogen.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Siehe_auch">Siehe auch</h2></div>
<ul><li><a href="Peloponnesischer_Krieg" title="Peloponnesischer Krieg">Peloponnesischer Krieg</a></li>
<li><a href="Attischer_Seebund" title="Attischer Seebund">Attischer Seebund</a></li>
<li><a href="Attische_Demokratie" title="Attische Demokratie">Attische Demokratie</a></li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Übersetzungen"><span id=".C3.9Cbersetzungen"></span>Übersetzungen</h2></div>
<ul><li>Thukydides: <i>Der Peloponnesische Krieg</i>. Herausgegeben und übersetzt von Georg Peter Landmann. Düsseldorf, Zürich, Artemis und Winkler 2002, ISBN 3-7608-4103-1</li>
<li>Thukydides: <i>Der Peloponnesische Krieg</i>. Griechisch-deutsch. Übersetzt von <a href="Michael_Wei%C3%9Fenberger" title="Michael Weißenberger">Michael Weißenberger</a>. Mit einer Einleitung von <a href="Antonios_Rengakos" title="Antonios Rengakos">Antonios Rengakos</a>. de Gruyter, Berlin / Boston 2017, ISBN 978-3-11-037858-0.</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Literatur">Literatur</h2></div>
<ul><li>Michael G. Seaman: <i>The Athenian Expedition to Melos in 416 B.C.,</i> in: <i><a href="Historia_(Zeitschrift)" title="Historia (Zeitschrift)">Historia</a></i> 46/4 (1997), S. 385–418.</li>
<li>Nicolas Stockhammer: <i>Die Dialektik politischer Macht. Der Melierdialog im Lichte aktueller Machttheorien.</i> In: <i>Internationale Zeitschrift für Philosophie</i> (IZPh) 15, 2006, S. 23–43, <span class="-print"><a href="Internationale_Standardnummer_f%C3%BCr_fortlaufende_Sammelwerke" title="Internationale Standardnummer für fortlaufende Sammelwerke">ISSN</a> <span style="white-space:nowrap"><a rel="nofollow" class="external text" href="https://zdb-katalog.de/list.xhtml?t=iss%3D%220942-3028%22&key=cql">0942-3028</a></span></span></li>
<li><a href="Wolfgang_Will" title="Wolfgang Will">Wolfgang Will</a>: <i>Der Untergang von Melos. (Machtpolitik im Urteil des Thukydides und einiger Zeitgenossen)</i>. Habelt, Bonn 2006. ISBN 3-7749-3441-X. [Die Studie behandelt die drei entscheidenden Jahre in der Geschichte der Großmacht Athen, von der gelungenen Eroberung von Melos bis zur misslungenen von Sizilien.]</li>
<li><a href="Wolfgang_Will" title="Wolfgang Will">Wolfgang Will</a>: <i>Herodot und Thukydides. Die Geburt der Geschichte</i>, Beck-Verlag München 2015, S. 217–227 (zum Melier-Dialog). ISBN 978-3-534-26804-7.</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Weblinks">Weblinks</h2></div>
<ul><li><a rel="nofollow" class="external text" href="https://www.gottwein.de/Grie/thuk/thuk5084.php">Synopse von Egon Gottwein, lateinisch/griechisch/deutsch</a></li>
<li><a rel="nofollow" class="external text" href="https://www.mtholyoke.edu/acad/intrel/melian.htm">Sixteenth Year of the War - The Melian Conference - Fate of Melos</a> (englisch)</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Anmerkungen">Anmerkungen</h2></div>
<ol class="references">
<li id="cite_note-1"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-1">↑</a></span> <span class="reference-text">Will 2015, S. 217. „Im überlieferten Werk folgt der Bericht der Sizilienfahrt unmittelbar auf den Melier-Dialog, in der Werkgeschichte geht jener diesem voraus. Thukydides hat die Unterredung der Athener und Melier erst nach 404 aufgezeichnet und mit den damals bereits fertigen Büchern sechs und sieben verbunden.“ (Ebenda, S. 218)</span>
</li>
<li id="cite_note-2"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-2">↑</a></span> <span class="reference-text">Thukydides 1. 22.</span>
</li>
<li id="cite_note-3"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-3">↑</a></span> <span class="reference-text">Will 2015, S. 219.</span>
</li>
<li id="cite_note-4"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-4">↑</a></span> <span class="reference-text">„Wenn unsere Worte sich schon nicht ans Volk richten sollen, offenbar damit die Menge nicht in fortlaufender Rede von uns verlockende und unerwiesene Dinge in einem Zuge hört und damit betört wird (denn dies meint doch, merken wir wohl, unsere Führung vor den Adelsrat), so geht doch, ihr hier versammelten Männer, noch behutsamer vor: gebt eure Antwort Punkt für Punkt, auch ihr nicht in einer einzigen Rede, sondern unterbrecht uns gleich, sooft wir etwas sagen, was euch nicht annehmbar scheint.“ (Thukydides 5. 85; zitiert nach der Übersetzung von Landmann (München 1991, S. 434); Will 2015, S. 220.)</span>
</li>
<li id="cite_note-5"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-5">↑</a></span> <span class="reference-text">Thukydides 5. 85–111.</span>
</li>
<li id="cite_note-6"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-6">↑</a></span> <span class="reference-text">Thukydides 5. 86.</span>
</li>
<li id="cite_note-7"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-7">↑</a></span> <span class="reference-text"><span style="font-style:normal;font-weight:normal"><a href="Altgriechische_Sprache" title="Altgriechische Sprache">altgriechisch</a></span> <span lang="grc-Grek" class="Grek" style="font-style:normal">καλὰ ονόματα</span></span>
</li>
<li id="cite_note-8"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-8">↑</a></span> <span class="reference-text">Thukydides 5. 89; Will 2015, S. 221.</span>
</li>
<li id="cite_note-9"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-9">↑</a></span> <span class="reference-text">Thukydides 5. 90–93; Will 2015, S. 222.</span>
</li>
<li id="cite_note-10"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-10">↑</a></span> <span class="reference-text">„So würdet ihr außer der Mehrung unserer Herrschaft uns auch noch Sicherheit bringen, wenn ihr euch unterwerft und zumal als Insel – und gar der schwächeren eine – der Seemacht Athen nicht trotzt.“ (Thukydides 5. 97; zitiert nach der Übersetzung von Landmann (München 1991, S. 434))</span>
</li>
<li id="cite_note-11"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-11">↑</a></span> <span class="reference-text">„Alle die nämlich, die jetzt noch keinem der Bünde zugehören, müßt ihr sie euch nicht zu Feinden machen, wenn sie dies hier mit ansehn und sich sagen, einmal würdet ihr auch gegen sie kommen? Und was tut ihr damit anderes, als daß ihr die bisherigen Feinde stärkt und die, die nicht daran dachten, es zu werden, gegen ihren Willen dazu bringt?“ (Thukydides 5. 98; zitiert nach der Übersetzung von Landmann (München 1991, S. 434))</span>
</li>
<li id="cite_note-12"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-12">↑</a></span> <span class="reference-text">Thukydides 5. 99.</span>
</li>
<li id="cite_note-13"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-13">↑</a></span> <span class="reference-text">Thukydides 5. 100; zitiert nach der Übersetzung von Landmann (München 1991, S. 435).</span>
</li>
<li id="cite_note-14"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-14">↑</a></span> <span class="reference-text">Thukydides 5. 103; zitiert nach der Übersetzung von Landmann (München 1991, S. 435 f.)</span>
</li>
<li id="cite_note-15"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-15">↑</a></span> <span class="reference-text">Thukydides 5. 105; zitiert nach der Übersetzung von Landmann (München 1991, S. 436).</span>
</li>
<li id="cite_note-16"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-16">↑</a></span> <span class="reference-text">Thukydides 5. 111; zitiert nach der Übersetzung von Landmann (München 1991, S. 438 f.)</span>
</li>
<li id="cite_note-17"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-17">↑</a></span> <span class="reference-text">Thukydides 5. 116; zitiert nach der Übersetzung von Landmann (München 1991, S. 440.)</span>
</li>
<li id="cite_note-18"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-18">↑</a></span> <span class="reference-text">Zitiert nach Will 2015, S. 217.</span>
</li>
<li id="cite_note-19"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-19">↑</a></span> <span class="reference-text">Friedrich Nietzsche: <i>Menschliches, Allzumenschliches I</i>, Aphorismus 92, zitiert nach Will 2015, S. 243. Ausführlich besprochen wird der Melierdialog in Nietzsches Interpretation bei <a href="Andreas_Urs_Sommer" title="Andreas Urs Sommer">Andreas Urs Sommer</a>: <i>Kommentar zu Nietzsches Menschliches, Allzumenschliches I</i> = <i>Historischer und kritischer Kommentar zu Friedrich Nietzsches Werken</i>, hg. von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Bd. 2/1, Berlin/Boston 2025, S. 342–344. "Wenn <i>Menschliches, Allzumenschliches I</i> 92 den Melier-Dialog aufruft, dann nicht, weil Nietzsche die rücksichtslose Ausnutzung der athenischen Machtposition für eine Quelle der Gerechtigkeit hält, sondern weil die Athener in V 89 explizit die Theorie formulieren, dass Gerechtigkeit nur zwischen Gleichmächtigen in Frage komme, aber nicht bei einem starken Machtungleichgewicht wie zwischen Athen und Melos." Ebd., S. 343.</span>
</li>
<li id="cite_note-20"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-20">↑</a></span> <span class="reference-text">Will 2015, S. 217.</span>
</li>
<li id="cite_note-21"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-21">↑</a></span> <span class="reference-text">Will 2015, S. 226. „So erscheint dieser [der Melierdialog] als Rechtfertigung und Kritik des attischen Imperialismus, als Angriff auf die spartanische Hegemonie oder allgemeine Verdammung brutaler Kriegführung.“ (Ebenda, S. 227)</span>
</li>
<li id="cite_note-22"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-22">↑</a></span> <span class="reference-text">Will 2015, S. 227.</span>
</li>
<li id="cite_note-23"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-23">↑</a></span> <span class="reference-text">Will 2015, S. 244 f.</span>
</li>
</ol></div><!--htdig_noindex--><div><div class="zim-footer">
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